Letzte Woche saß ich mit einer Kollegin beim Kaffee. “Selbstreguliertes Lernen fördern wir doch längst”, sagte sie. “Wir haben Wochenpläne, Freiarbeit, die Kinder dürfen selbst entscheiden, wann sie was machen.” Dann erzählte sie mir von ihrem ersten Versuch, ChatGPT in der Klasse einzusetzen. Das Ergebnis? Chaos. Die Kinder tippten wahllos Fragen ein, kopierten Antworten, ohne sie zu lesen, oder fragten bei jeder Kleinigkeit: “Frau Meyer, ist das richtig?”
Die bittere Wahrheit: Wochenpläne sind KEIN selbstreguliertes Lernen. Und ohne echtes selbstreguliertes Lernen könnt ihr den Lernprozess mit KI nicht neu strukturieren – ihr
reproduziert nur alte Muster in neuem Gewand.
Das Missverständnis, das uns alle aufhält
Ich höre es ständig auf Fortbildungen: “Das machen wir doch schon!” Aber wenn ich nachfrage, was genau sie machen, höre ich von:
- Wochenplänen, bei denen Kinder abarbeiten (aber nicht planen)
- Freiarbeit, bei denen Kinder wählen (aber nicht reflektieren)
- Projekten, bei denen Kinder “selbstständig” arbeiten (aber keine Strategien haben)
Das ist nicht selbstreguliertes Lernen. Das ist organisatorische Freiheit.
Selbstreguliertes Lernen bedeutet, dass Kinder
- Ihre eigenen Lernbedürfnisse erkennen können (“Was kann ich schon? Was muss ich noch üben?”)
- Sich konkrete Ziele setzen können (“Ich will heute verstehen, wie Pflanzen wachsen”)
- Passende Strategien auswählen können (“Ich mache erst eine Mindmap, dann lese ich im Buch”)
- Ihren Fortschritt überwachen können (“Stopp, das habe ich nicht verstanden, ich muss nochmal zurück”)
- Ihren Lernweg reflektieren können (“Die Strategie hat geholfen, beim nächsten Mal nehme ich die wieder”)
Und hier ist der Punkt: Ohne diese Kompetenzen verändert KI euren Unterricht nicht. Sie macht oberflächliches Lernen nur schneller und effizienter.
Warum KI ohne Selbstlernstrategien den Lernprozess nicht transformiert
Stellt euch vor, ihr gebt einem Kind ohne Lesekompetenzen ein Lexikon. Es kann darin blättern, es kann Bilder ansehen, aber es kann das Wissen nicht nutzen. Genauso ist es mit KI: Ohne die
Fähigkeit, den eigenen Lernprozess zu steuern, bleibt KI ein Antwortgenerator, der schnelle Ergebnisse liefert, aber kein tiefes Lernen.
KI kann:
- Fragen strukturieren helfen
- Informationen liefern
- Feedback geben
- Den Lernprozess sichtbar machen
Aber KI kann NICHT:
- Für das Kind denken
- Entscheiden, welche Frage relevant ist
- Beurteilen, ob eine Antwort plausibel ist
- Den Lernprozess steuern
Ein Kind, das nicht gelernt hat zu planen, wird die KI fragen: “Was soll ich über Dinosaurier wissen?” statt “Ich möchte verstehen, warum Dinosaurier ausgestorben sind. Welche Unterfragen sollte ich klären?” Ein Kind, das nicht gelernt hat zu reflektieren, wird die KI-Antwort kopieren, statt zu fragen:
“Stimmt das? Wie kann ich das überprüfen? Habe ich das jetzt wirklich verstanden?”
KI verstärkt bestehende Lernmuster. Sind diese Muster oberflächlich, reproduziert die KI Oberflächlichkeit. Sind sie durchdacht und reflektiert, kann KI den Lernprozess vertiefen.
Das Modell: Selbstregulation und KI-Kompetenz zusammendenken
Deshalb brauchen wir ein Modell, das beides vereint: Die Entwicklung von KI-Kompetenz UND die systematische Förderung von Selbstlernstrategien. Ich arbeite mit einem Ansatz, der die vier Entwicklungsfelder nach Flick/Falck (Verstehen, Anwenden, Reflektieren, Mitgestalten) https://joschafalck.de/ki-didaktik-planungsvorlage/ mit den drei Phasen der Selbstregulation (Planen, Durchführen, Reflexion) verbindet.

Die äußeren Segmente zeigen die vier Entwicklungsfelder, in denen sich die KI-Kompetenzen über drei Progressionsstufen aufbauen. Die inneren Pfeile verdeutlichen die Phasen der Selbstregulation, die bei JEDER Aufgabe, JEDEM Projekt, JEDER KI-Nutzung durchlaufen werden müssen.
Ohne diese inneren Pfeile nützen uns die äußeren Segmente nichts.
Was “bewusste Strategiearbeit” bedeutet – konkret
Jetzt wird es praktisch. Denn ich weiß, viele von euch denken: “Okay, verstanden. Aber WIE mache ich das denn jetzt?”
- Modellierung durch die Lehrkraft: Laut denken!
Was viele machen: “Heute arbeitet ihr an eurem Projekt. Fängt an!”
Was wirklich hilft: “Schaut mal, ich zeige euch, wie ich plane. Ich will etwas über Bienen lernen. Was weiß ich schon? (schreibt auf) Was will ich wissen? (schreibt auf) Wie finde ich das heraus? (überlegt laut) Ich könnte in ein Buch schauen ODER ich könnte die KI fragen, mir Unterfragen zu geben. Was macht mehr Sinn? Ich entscheide mich für… weil…”
Dieser Unterschied ist ALLES. Kinder lernen nicht durch Freiheit, sondern durch Beobachtung. Ihr müsst ihnen zeigen, wie euer Gehirn arbeitet. - Üben in verschiedenen Kontexten: Transfer schaffen
Was viele machen: Einmal im Sachunterricht eine “Strategie-Stunde” zu Mindmaps.
Was wirklich hilft: Die gleiche Strategie in verschiedenen Fächern anwenden und explizit verbinden.
“Erinnert ihr euch an die Mindmap, die wir in Sachunterricht gemacht haben? Heute probieren wir sie in Deutsch aus. Was glaubt ihr, hilft uns das auch hier?”
Nach zwei Wochen: “Wann habt ihr in letzter Zeit Mindmaps gemacht? Wann hat es geholfen, wann nicht? Warum?”
Strategien müssen zu bewussten Entscheidungen werden, die Kinder situationsbezogen treffen können. - Metakognitive Sprache: Begriffe sichtbar machen
Was viele machen: “Denk nochmal nach.”
Was wirklich hilft: Begriffe wie “Planen”, “Überwachen”, “Reflexion” einführen und mit Symbolen verbinden.
🪞 = Reflexion (Was hat funktioniert? Was würde ich anders machen?)
📋 = Planen (Was ist mein Ziel? Was brauche ich?)
🔍 = Überwachen (Verstehe ich das? Bin ich auf dem richtigen Weg?)
Diese Symbole werden auf Arbeitsblättern genutzt, an der Tafel visualisiert, in Gesprächen verwendet. Sie machen unsichtbare Denkprozesse sichtbar und besprechbar. - Feedback durch Mensch und KI
Was viele machen: Entweder nur Lehrkraft-Feedback ODER nur KI-Feedback.
Was wirklich hilft: Beides kombinieren und transparent machen.
Die Lehrkraft gibt Feedback zu Strategienutzung: “Du hast dir ein klares Ziel gesetzt, das hat geholfen!”
Die KI gibt Feedback zu Inhalten: “Deine Erklärung ist noch nicht ganz vollständig. Was fehlt?”
Das Kind reflektiert beide Feedbacks: “Was nehme ich mir vor?”
Die Kontrolle bleibt beim Kind. Immer.
Drei konkrete Stufen – von Klasse 1 bis 6
Jetzt wird es noch konkreter. Wie sieht das in der Praxis aus?
Stufe I (Klassen 1–2): Die Grundlagen
Ziel: Kinder lernen, dass sie selbst denken müssen – auch wenn die KI da ist.
Konkrete Praxisidee: “Was will ich wissen?”-Karten
- Jedes Kind formuliert zu Beginn einer Sachunterrichtseinheit eine Frage (z.B. “Warum haben Bäume Blätter?”)
- Die Lehrkraft zeigt, wie die KI helfen kann, Unterfragen zu finden: “Die KI sagt, wir könnten fragen: Wie machen Blätter Nahrung? Warum fallen Blätter im Herbst ab? Was ist
in einem Blatt drin?” - ABER: Die Antworten suchen wir NICHT in der KI. Wir gehen in die Bibliothek, schauen in Sachbüchern, beobachten draußen.
- Danach vergleichen wir: Was haben wir herausgefunden? Was würde die KI sagen? Stimmt das?
Was dabei passiert:
Kinder lernen: KI kann beim STRUKTURIEREN helfen
Kinder lernen: Antworten finde ich selbst
Kinder lernen: Ich muss überprüfen, ob etwas stimmt
Konkrete Praxisidee: Reflexionsampel Nach jeder Arbeitsphase (10-15 Minuten):
Grün = “Ich habe es verstanden”
Gelb = “Ich bin mir nicht sicher”
Rot = “Ich habe es nicht verstanden”
Jedes Kind markiert seine Karte und bespricht WARUM mit einem Partner oder der Lehrkraft. Diese Selbsteinschätzung ist der Beginn von Lernreflexion.
Stufe II (Klassen 3–4): Strategien bewusst einsetzen
Ziel: Kinder wählen Strategien bewusst aus und nutzen KI als Unterstützung, nicht als Ersatz.
Konkrete Praxisidee: Planungsbogen – Ein einfaches Formular mit drei Spalten
- Mein Ziel: “Ich will drei Fakten über Bienen lernen bis Freitag”
- Was brauche ich?: “Buch über Insekten, Internet, Notizzettel”
- Wie gehe ich vor?: “1. Im Buch nachschlagen, 2. KI fragen, ob meine Fakten stimmen, 3 Aufschreiben”
Die KI kann hier helfen: “Ist mein Plan realistisch?” Aber die Entscheidung trifft das Kind.
Konkrete Praxisidee: Strategie-Portfolio Jede neue Strategie bekommt eine Seite im Portfolio
- Name der Strategie: z.B. “Mindmap”
- Wann hilft sie?: “Wenn ich viele Ideen sammeln will
- Wie geht sie?:
- Meine Erfahrung: “Hat mir bei… geholfen / nicht geholfen, weil…”
Nach jedem Projekt: “Welche Strategie habe ich benutzt? Warum? Hat es geholfen?”
Stufe III (Klassen 5–6): Souveränität und Mitgestaltung
Ziel: Kinder steuern komplexe Lernprojekte eigenständig und verstehen, wo KI hilft und wo sie an Grenzen stößt.
Konkrete Praxisidee: Projektarbeit mit Logbuch Mehrwöchiges Projekt (z.B. “Klimawandel vor Ort”)
- Kinder planen selbstständig Teilaufgaben
- Sie entscheiden, wo KI sinnvoll ist (z.B. Daten strukturieren) und wo nicht (z.B. eigene Beobachtungen)
- Im Logbuch dokumentieren sie: “Welche Strategie habe ich heute genutzt? Wie hat die KI geholfen? Was habe ich selbst gemacht?”
Konkrete Praxisidee: Fehleranalyse nach einer Recherche
- KI-Antwort mit zwei anderen Quellen vergleichen
- Tabelle ausfüllen:
◦ Was stimmt in allen drei Quellen?
◦ Was sagt nur die KI?
◦ Was fehlt in der KI-Antwort? - Reflexion: “Wie kann ich beim nächsten Mal bessere Fragen stellen?”
Die unbequeme Wahrheit: Es ist mehr Arbeit. Zuerst
Ich weiß, was jetzt kommt: “Das klingt wahnsinnig aufwendig.” Und ja, es ist aufwendiger als “Macht mal einen Wochenplan.” Zumindest am Anfang.
Aber hier ist die gute Nachricht: Selbstlernstrategien sind wie Muskelaufbau. Am Anfang anstrengend, aber dann verändert sich die gesamte Art, wie Kinder lernen.
Wenn ihr in Klasse 1 mit Reflexionsampeln und “Laut Denken” anfangt, habt ihr in Klasse 3 Kinder, die von selbst fragen: “Soll ich eine Mindmap machen oder lieber eine Tabelle?”
Wenn ihr in Klasse 3 mit Planungsbögen arbeitet, habt ihr in Klasse 5 Kinder, die komplexe Projekte eigenständig strukturieren können.
Und dann, erst dann, könnt ihr mit KI den Lernprozess qualitativ neu gestalten, statt nur alte Muster digital zu reproduzieren.
Was Ihr jetzt tun könnt (ohne zu verzweifeln)
Ihr müsst nicht gleich alles umkrempeln. Startet klein:
Diese Woche:
Führt die drei Symbole ein: 📋 Planen, 🔍 Überwachen, 🪞 Reflexion
Modelliert EINMAL laut euer Denken: “Ich plane jetzt, wie ich… Zuerst überlege ich…”
Dieser Monat:
Führt die Reflexionsampel nach Arbeitsphasen ein
Lasst Kinder EINE Strategie (z.B. Mindmap) in verschiedenen Fächern anwenden
Dieses Halbjahr:
Baut ein einfaches Strategie-Portfolio auf
Experimentiert mit KI, aber immer mit der Frage: “Hilft das beim DENKEN oder nimmt es das Denken ab? Verändert das den Lernprozess qualitativ oder reproduziert es nur alte
Muster?
KI ist nicht das Problem. Fehlendes Fundament ist das Problem.
KI in der Grundschule einzusetzen ohne solide Selbstlernstrategien ist wie einem Kind das Fahrradfahren beibringen zu wollen, das noch nicht laufen kann. Es wird nicht funktionieren. Und
dann sagen wir: “Kinder sind noch nicht bereit für Fahrräder.”
Falsch. Kinder sind nicht bereit für Fahrräder, wenn sie nicht laufen können. Genauso sind Kinder nicht bereit für KI, wenn sie nicht gelernt haben: Ihre Lernbedürfnisse zu erkennen, Ziele zu setzen, Strategien auszuwählen, Ihren Fortschritt zu überwachen und Ihren Lernweg reflektieren.
Aber wenn wir diese Grundlagen systematisch aufbauen von Klasse 1 an, mit expliziter Modellierung, mit metakognitiver Sprache, mit Üben in verschiedenen Kontexten – dann können
wir den gesamten Lernprozess neu denken.
Dann wird KI zum Lernpartner, der Kinder dabei unterstützt: Bessere Fragen zu entwickeln, Ihren Lernprozess zu strukturieren, Ihr Denken sichtbar zu machen und Sich kontinuierlich zu verbessern.
Nicht ein System, das ihnen das Denken abnimmt, sondern eine Kraft, die ihren Lernprozess qualitativ verändert.
Und das ist der Unterschied zwischen “Wir machen das schon” und “Wir strukturieren Lernen neu.”
Was sind eure Erfahrungen mit Selbstlernstrategien und KI? Wo hakt es bei euch? Schreibt es in die Kommentare. Wir sind gespannt auf eure Perspektiven.


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