Wir kennen sie alle: Die guten alten ⋆, ⋆⋆ und ⋆⋆⋆-Aufgaben. Sie sind seit Jahrzehnten das scheinbar probate Mittel, um der immensen Heterogenität in unseren Klassenräumen gerecht zu werden. Doch Hand aufs Herz: Haben sie wirklich immer die gewünschte Wirkung erzielt? Oft genug führen diese starren Kategorien zu einem unerwünschten doppelten Effekt:
- Unterforderung und Langeweile: Leistungsstärkere Kinder fühlen sich schnell unterfordert und gelangweilt, weil sie Routinen abspulen, die ihren aktuellen Entwicklungsstand längst überschritten haben. Sie üben das, was sie ohnehin schon beherrschen, was keinen nachhaltigen Kompetenzzuwachs bewirkt.
- Frustration und Stigmatisierung: Gleichzeitig fühlen sich andere Schülerinnen und Schüler frustriert oder gar stigmatisiert, weil sie kaum über die *-Aufgaben hinauskommen oder die ***-Aufgaben von vornherein gar nicht erst in Angriff nehmen. Die Differenzierung wird zum Sortiermechanismus und sendet subtil die Botschaft: “Du bist eine *-Person. Deine Obergrenze ist diese einfache Aufgabe.” Dies kann ein fixiertes Selbstbild (Fixed Mindset) manifestieren.
Es ist Zeit für einen echten Paradigmenwechsel. Wir müssen weg von der statischen Kategorisierung nach Schwierigkeitsgraden und hin zu einem dynamischen Modell, das auf den tatsächlichen Bedürfnissen unserer Schülerinnen und Schüler basiert: der Differenzierung durch variierende Unterstützung (Scaffolding).
Die Idee: Differenzierung durch Unterstützung: Warum alle denselben Gipfel erklimmen können
Traditionelle Differenzierung arbeitet meist mit unterschiedlichen Aufgaben für unterschiedliche Leistungsniveaus. Manche bekommen einfachere Inhalte, andere herausfordernde. Die Absicht dahinter ist gut, doch das Ergebnis häufig problematisch: Lernwege driften auseinander, Erwartungen senken sich, Potenzial bleibt ungenutzt. Der Ansatz der Differenzierung durch Unterstützung dreht diese Logik um: Alle lernen am selben anspruchsvollen Ziel – aber mit individuell angepasster Unterstützung.
Was bedeutet “Differenzierung durch Unterstützung”?
Die Kernidee ist bestechend einfach: Alle Lernenden arbeiten an derselben Kompetenz, derselben herausfordernde Aufgabe, denselben Kompetenzgipfel. Der Unterschied liegt nicht mehr im Inhalt, sondern im Weg dorthin. Statt das Lernziel zu senken, variieren wir die Hilfen, die ein Kind benötigt, um erfolgreich dorthin zu gelangen. Man kann es sich wie eine gemeinsame Bergbesteigung vorstellen:
Alle wollen denselben Gipfel erreichen. Das Kompetenzziel ist für alle dasselbe, es gibt keine “leichten” Hügel für einige und “echte” Gipfel für andere.
Die Ausrüstung unterscheidet sich. Manche benötigen eine detaillierte Karte und feste Bergschuhe (viel Hilfestellung). Andere brauchen einen erfahrenen Bergführer, der sie an schwierigen Passagen sichert (mittlere Hilfestellung). Wieder andere benötigen lediglich einen kleinen Hinweis, welche Route die schönste Aussicht bietet (sehr geringe Hilfestellung).
Und doch sieht der Weg für jedes Kind anders aus
Oft wird angenommen, dass Scaffolding zwangsläufig darauf zielt, dass am Ende alle Lernenden ohne jegliche Unterstützung arbeiten können. Doch darum geht es nicht. Der eigentliche Kern der Differenzierung durch Unterstützung lautet: Alle Kinder sollen die angestrebte Kompetenz erreichen – mit dem Maß an Unterstützung, das sie brauchen. Und dieses Maß darf unterschiedlich sein. Für einige Lernende werden Hilfen Schritt für Schritt reduziert, weil sie sicherer werden. Für andere bleibt ein bestimmter Grad an Unterstützung sinnvoll – nicht als Makel, sondern als legitimer Bestandteil ihres Lernweges. Entscheidend ist nicht, dass jede Form der Hilfe verschwindet, sondern dass die Kompetenz aufgebaut wird. Entscheidend ist also, dass die Lernenden ihre Fähigkeiten erweitern und das Zielniveau meistern können, mit einem Unterstützungsgrad, der für sie sinnvoll und notwendig ist. Der Fokus verschiebt sich damit:
Es geht nicht um Autonomie um jeden Preis, sondern um erfolgreiche Kompetenzentwicklung.
Das wissenschaftliche Fundament: Vygotsky und die Zone der proximalen Entwicklung
Dieses Prinzip ist keine pädagogische Mode, sondern die praktische Umsetzung einer der einflussreichsten Lern-Theorien: Vygotskys Zone der proximalen Entwicklung (ZpE). Die ZpE beschreibt die optimale Lernzone – das ist der Bereich zwischen dem, was ein Kind alleine kann (aktueller Entwicklungsstand), und dem, was es mit gezielter Hilfe erreichen kann (potenzieller Entwicklungsstand).
Warum traditionelle Differenzierung so oft ins Leere läuft
In vielen Klassenzimmern bedeutet Differenzierung bis heute, dass Lernende verschiedene Aufgaben mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden bearbeiten – und damit häufig auch unterschiedliche Lernziele verfolgen. Genau hier entsteht das Problem: Sobald nicht mehr alle auf denselben Gipfel hinarbeiten, sondern sich die Ziele auseinanderbewegen, geraten viele Lernende aus ihrer optimalen Lernzone.
- Für leistungsstarke Lernende: Wenn sie schnell mit der Kernaufgabe fertig sind, führt die klassische Lösung oft zu Zusatz- oder Erweiterungsaufgaben, die inhaltlich zwar anders aussehen, aber nicht unbedingt anspruchsvoller sind. Das Ergebnis: Langeweile und fehlende kognitive Herausforderung, weil sie an Aufgaben arbeiten, die nicht wirklich über ihr aktuelles Kompetenzniveau hinausführen.
- Für leistungsschwächere Lernende: Ihnen werden häufig vereinfachte Aufgaben angeboten, die ein niedrigeres Anforderungsniveau haben oder ein reduziertes Ziel verfolgen. Das Problem: Sie bewegen sich dabei meist innerhalb dessen, was sie ohnehin schon können. Die Folge: Unterforderung, geringe Lernzuwächse und das Gefühl, nicht wirklich mitzuzählen.
- Für beide Gruppen: Auf der anderen Seite kommt es häufig vor, dass Lernende – egal ob leistungsstark oder leistungsschwach – Aufgaben erhalten, die für sie individuell zu schwierig sind. Die Konsequenz: Überforderung, Frustration und ein Lernprozess, der ins Stocken gerät.
Scaffolding: Alle Kinder Erreichen den Gipfel
Jeder Lernende hat das Potenzial, den Gipfel zu erreichen – aber nicht jeder startet vom gleichen Basislager oder braucht dieselbe Ausrüstung. Dieses Bild beschreibt perfekt das pädagogische Konzept des Scaffolding (Gerüstbau), das im Zentrum einer modernen, individuellen Förderung steht. Es geht im Wesentlichen darum: Wir wählen eine herausfordernde Kernaufgabe und passen dann die individuelle Unterstützung so an, dass jedes Kind erfolgreich sein kann. Der Schlüssel liegt in der Erkenntnis, dass effektives Lernen dort stattfindet, wo es herausfordernd, aber machbar ist. Die Aufgabe, die wir wählen, liegt bewusst in der Zone der nächsten Entwicklung (ZpE) des Kindes – also knapp über dem, was es bereits alleine kann.
- Der Gipfel steht für das anspruchsvolle Ziel, das alle erreichen sollen – z. B. eine komplexe Schreibform, eine Problemlösestrategie oder ein vertieftes Verständnis.
- Der Aufstieg ist der individuelle Lernprozess – mit unterschiedlich intensiver Begleitung.
Die Stärke des Scaffolding: Individuelle Stützen
Die Form der Unterstützung variiert, nicht die Aufgabe selbst:
- Kind A braucht wenig Unterstützung: Nur eine Checkliste und kurze Rückmeldung
- Kind B braucht mittlere Unterstützung: Detaillierte Teilschritte, visuelle Hilfen, Fragen zur Reflexion
- Kind C braucht starke Unterstützung: Direkte Modellierung der Aufgabe, gemeinsames Erarbeiten der ersten Schritte
All dies zeigt: Nicht die Lernenden sind das Problem – sondern eine Differenzierung, die mit verschiedenen Zielen arbeitet. Wenn unterschiedliche Gipfel bestiegen werden, verlieren manche die Herausforderung, andere die Orientierung, wieder andere den Anschluss. Der Ansatz der Differenzierung durch Unterstützung löst genau dieses Problem, indem alle am gleichen Ziel arbeiten und sich nur die Unterstützung unterscheidet.
Die drei Säulen der Differenzierung durch Unterstützung:
Um die Differenzierung durch Unterstützung erfolgreich in die Praxis umzusetzen, bedarf es einer Neukonzeption von Unterricht. Dies basiert auf drei essenziellen Säulen:

1 Das gemeinsame Kompetenzziel festlegen: der „Gipfel“ für alle
Das Fundament ist ein klar formuliertes, anspruchsvolles Kompetenzziel, das über reine Wissensabfrage hinausgeht. Es muss so gewählt sein, dass es für die meisten Lernenden im potenziellen Entwicklungsbereich liegt – also herausfordernd, aber erreichbar.
Beispiel Mathematik:
Nicht (Wissensfokus): „Die Schüler kennen die Flächenformel für Dreiecke.“
Sondern (Kompetenzfokus): „Die Lernenden können die Flächenformel des Dreiecks herleiten und ihre Gültigkeit durch eine geometrische Überführung in ein Rechteck beweisen und begründen.“
Dieses anspruchsvolle, tiefe Lernziel sorgt dafür, dass alle Lernenden eine tragfähige Kompetenz erwerben – nicht nur eine Formel, sondern eine begründete mathematische Einsicht.
2 Die gemeinsame Kernaufgabe konzipieren: das „Challenge-Level“ für alle
Damit alle Lernenden auf das gleiche Ziel hinarbeiten können, braucht es eine Kernaufgabe, die reichhaltig, authentisch und komplex ist. Sie sollte so gestaltet sein, dass sie nur mit der angestrebten Kompetenz – oder durch gezieltes Scaffolding – gelöst werden kann.
Beispiel Mathematik:
Nicht: „Berechne die Fläche der fünf Dreiecke.“
Sondern: „Eine Firma möchte einen dreieckigen Dachgiebel mit Holz verkleiden. Die Maße sind gegeben. Führen Sie dem Chef überzeugend vor, warum Ihre Berechnung des Flächeninhalts stimmen muss, und stellen Sie Ihre Begründung visuell dar.“
Diese Art von Aufgabe verbindet Rechnen, Denken, Begründen und Darstellen – ein echter Kompetenznachweis.
3 Flexible Unterstützung (Scaffolding) bereitstellen: Das “Maß des Helfens”
Die dritte Säule ist das Herzstück der Differenzierung durch Unterstützung: die passgenaue, flexible Bereitstellung von Hilfen, die es jedem Lernenden ermöglichen, am gemeinsamen Ziel zu arbeiten. Scaffolding bedeutet nicht, Aufgaben zu vereinfachen, sondern Hürden durch passende Stützen zu überbrücken. Die Unterstützung erfolgt idealerweise in drei klar definierten Stufen:
- Geringe Unterstützung (Unabhängigkeit fördern): In dieser Phase liegt der Fokus auf der Selbstkontrolle und der Reflexion. Die Hilfestellungen sind implizit und erfordern eine hohe Eigenleistung. Sie dienen primär dazu, die eigenen Denkprozesse zu steuern und zu überprüfen. Beispiele: Checklisten zur Selbstbewertung, kurze Feedbackbögen, Hinweise zur Fehlerlokalisierung und Verweis auf bereits bekannte Strategien
- Mittlere Unterstützung (Strategie lenken): Diese Hilfen zielen direkt auf die Schlüsselstrategie zur Lösung der Kernaufgabe ab, ohne die Lösung selbst vorwegzunehmen. Sie helfen dem Lernenden, den nächsten logischen oder konzeptionellen Schritt innerhalb der ZpE zu finden. Beispiele: Impulse (“Was passiert, wenn du die Figur ergänzt?”), grafische Organizer zur Strukturierung komplexer Aufgaben und vorbereitete Teilaufgaben, die den Weg bahnen
- Starke Unterstützung (Struktur und Modellierung): Dieses Niveau ist für Lernende gedacht, die ansonsten außerhalb ihrer ZpE frustriert wären. Die Hilfe strukturiert den Lösungsweg und dient als Gerüst, um das Ziel trotz fehlender Vorkenntnisse oder Schwierigkeiten in der sprachlichen/logischen Umsetzung zu erreichen. Beispiele: Lückentexte zur Herleitung oder Begründung, modellierte Musterlösungen mit Erklärungen als Lernvorlage und Schritt-für-Schritt-Anleitungen
Prinzip der Sukzessivität: Unterstützung wird abgebaut, wenn ein Lernender zeigt, dass er oder sie bereit ist – nicht früher und nicht zwingend vollständig. Der Fokus liegt auf Kompetenzaufbau, nicht auf schneller Autonomie.

Warum dieser Ansatz so viel wirkungsvoller ist
Wenn alle Lernenden auf ein gemeinsames Kompetenzziel hinarbeiten und die Unterstützung flexibel angepasst wird, verändert sich nicht nur der Unterricht – es verändert sich auch die Lernkultur. Differenzierung durch Unterstützung ist nicht nur theoretisch fundierter und gerechter, sie wirkt auch emotional, motivational und sozial tiefgreifend positiver als klassische Formen der Niveaudifferenzierung.
- Motivation durch echte Lernerfolge: Jedes Kind arbeitet an einer Aufgabe, die anspruchsvoll ist – aber mit der passenden Unterstützung bewältigt werden kann. Dadurch entsteht etwas, das im alten System selten gelang: Erfolgserlebnisse bei komplexen Herausforderungen. Diese Erfahrung – „Ich kann etwas Schwieriges schaffen, wenn ich eine gute Strategie und passende Hilfen nutze.“ – fördert eine Wachstumsmentalität im Sinne von Carol Dweck. Lernende begreifen ihre Kompetenz als veränderbar, nicht statisch. Motivation entsteht nicht durch „leichte Aufgaben“, sondern durch das Gefühl, an etwas Bedeutendem zu wachsen.
- Keine Stigmatisierung, keine “Schubladen”: Einer der größten Vorteile dieses Ansatzes ist die Entkopplung von Unterstützung und Leistungsbewertung. Es gibt keine „schwachen Gruppen“ mit vereinfachten Aufgaben und keine „starken Gruppen“ mit Zusatzmaterial. Alle arbeiten am selben Kernproblem – sichtbar auf Augenhöhe. Unterstützung wird damit zu einem selbstverständlichen Lernwerkzeug, nicht zu einem Etikett. Kinder lernen, dass Hilfestellungen nichts über ihren Wert aussagen, sondern Teil des Lernprozesses sind. Der Satz „Ich habe es geschafft – mit Unterstützung.“ wird zu einem positiven Selbstbild, nicht zu einem Makel.
- Fokus auf den Lernprozess statt auf schnelle Ergebnisse: In vielen Lernkulturen liegt der Akzent noch immer auf dem Produkt: Was wurde am Ende „herausbekommen“? Die Differenzierung durch Unterstützung verschiebt den Schwerpunkt auf den Weg dorthin: Wo brauche ich Hilfe? Welche Strategie hilft mir weiter? Welche Art von Unterstützung bringt mich näher an mein Ziel? Dies ist ein entscheidender Schritt hin zu selbstreguliertem Lernen, einer Kompetenz, die über die Schule hinaus bedeutsam bleibt. Lernende erfahren, dass anspruchsvolle Ziele selten ohne Hilfe erreicht werden – ein realistisches, gesundes Lernverständnis.
- Weniger Frustration, mehr Lernfreude: Wenn Aufgaben zu leicht oder zu schwer sind, erzeugt das Frustration – bei leistungsstarken und leistungsschwächeren Lernenden gleichermaßen.
Durch die passgenaue Unterstützung entsteht das Gegenteil: Passung. Die Folge ist eine spürbar angenehmere Lernatmosphäre: weniger Stress, weniger Abwehrhaltungen, mehr Interesse, mehr aktive Beteiligung. Die Lernenden erleben, dass Herausforderung und Wohlbefinden zusammengehören können, wenn die richtige Unterstützung vorhanden ist.
Eine echte Transformation der individuellen Förderung
Die Differenzierung durch Unterstützung hebt individuelle Förderung auf ein neues Niveau. Sie verabschiedet sich vom Gedanken, Leistungsunterschiede verwalten zu müssen, und ersetzt ihn durch das Ziel, Kompetenzwachstum für alle zu ermöglichen – in der jeweils optimalen Lernzone. Statt verschiedene Gipfel zu definieren, führt dieser Ansatz dazu, dass jede*r Lernende den gleichen Gipfel erreichen kann – mit einem Weg, der zu ihm oder ihr passt. Individuelle Förderung wird damit nicht zur Reduktion, sondern zur Ermächtigung.
Wie sich die Leistungsbewertung verändert – insbesondere im Umgang mit Noten
Haben Sie sich jemals gefragt, ob die Note 3 wirklich aussagt, was Ihr Kind oder Ihr Schüler leisten kann? Die traditionelle Leistungsbewertung misst, was Lernende alleine können – ein statischer Moment. Um die ZPE in die Leistungsbewertung zu integrieren, müssen wir den Fokus verschieben:
Dynamische Bewertung statt statischer Momentaufnahme
Anstatt nur das Endprodukt zu benoten, betrachten wir den Lernprozess. Bei der Dynamischen Bewertung wird dem Lernenden eine komplexe Aufgabe gestellt. Wenn er stecken bleibt, bieten wir graduelle Hilfestellungen (Scaffolding) an.
Der Mehrwert: Die Note misst nicht nur, ob die Lösung richtig war, sondern wie wenig Unterstützung der Lernende brauchte, um die Lösung zu finden. Wer mit einem abstrakten Tipp zur richtigen Lösung kommt, zeigt ein höheres Lernpotenzial als jemand, der eine Schritt-für-Schritt-Anleitung benötigt.
Die Qualität der Unterstützung würdigen
Im Sinne der ZPE ist Hilfe nicht negativ! Die Fähigkeit, Feedback oder Scaffolding zu nutzen, um die eigene Leistung zu verbessern, ist eine zentrale Kompetenz.
Die Konsequenz für die Benotung: Die Note sollte den Grad der Unabhängigkeit widerspiegeln, nicht die bloße Anwesenheit von Fehlern. Ein Schüler, der dank eines Hinweises ein komplexes Prinzip auf eine neue Aufgabe überträgt (Transfer), hat eine exzellente ZPE-Leistung erbracht und sollte dafür belohnt werden.
Prozesskompetenzen als Teil der Note
Gerade in Fächern wie Deutsch, Sprachen oder Projekten ist die Fähigkeit zur Metakognition (Über das eigene Denken nachdenken) und zur Reflexion entscheidend.
Umsetzung: Die Gesamtnote kann zu einem Teil aus der Ergebnisleistung und zu einem anderen Teil aus der Bewertung von Prozesskompetenzen (z. B. der Fähigkeit zur Selbstkorrektur, zur Nutzung von Feedback oder zur effektiven Zusammenarbeit) bestehen..
Konkretes Beispiel: Die Klassenarbeit mit Hilfen
Um diese Prinzipien praktisch umzusetzen, können Klassenarbeiten “dynamisiert” werden.
Block A (Basiswissen, Aktueller Stand): Ergebnisnote = Misst das gesicherte Wissen.
Block A (Komplexe Aufgabe, Potenzieller Stand): Dynamische Note = Optionale Hilfen stehen zur Verfügung. Jede genutzte Karte führt zu einem minimalen Punktabzug, der jedoch geringer ist, als die Aufgabe komplett falsch zu lösen.
Der Vorteil: Der Schüler wird ermutigt, sich an die Grenzen seiner ZPE zu wagen. Wenn er die Aufgabe mit Hilfe löst, erhält er eine mittlere bis gute Bewertung, und der Lehrer weiß genau, wo er in der nächsten Stunde ansetzen muss (formatives Feedback).
Die Integration der ZPE in die Leistungsbewertung führt uns weg von der defizitären Zählung von Fehlern hin zur proaktiven Messung von Lernwachstum und Potenzial. Es geht nicht mehr darum zu fragen: “Was hat der Lernende verpasst?”, sondern: “Was kann der Lernende mit unserer Unterstützung als Nächstes erreichen?” Indem wir die Qualität der Unterstützung in die Note einbeziehen, erkennen wir den Wert des Lernprozesses und machen das verborgene Potenzial jedes Einzelnen sichtbar.
Fazit: Ein gemeinsamer Gipfel – viele Wege hinauf
Die Differenzierung durch Unterstützung verändert Unterricht in seinem Kern. Sie verabschiedet sich von der Idee, für unterschiedliche Lernende unterschiedliche Ziele zu definieren – und richtet stattdessen den Blick auf das, was alle gemeinsam erreichen können: anspruchsvolle, tiefgreifende Kompetenzen. Indem nicht die Aufgaben, sondern die Hilfen differenziert werden, entsteht ein Lernraum, in dem alle Kinder ernst genommen werden, in dem niemand unter- oder überfordert wird und in dem jedes Kind das Gefühl erleben kann: „Ich kann etwas Schwieriges schaffen.“
Dieser Ansatz ist nicht nur fachlich solide, sondern auch menschlich überzeugend. Er sorgt für mehr Motivation, mehr Lernfreude, weniger Stigmatisierung und eine gerechtere Leistungsbewertung. Noten werden wieder zu dem, was sie sein sollten: eine Rückmeldung über den aktuellen Kompetenzstand, nicht über Schnelligkeit, Vorerfahrung oder Unterstützungsbedarf. Wenn wir Unterricht so gestalten, dass jedes Kind – mit seiner individuellen Ausrüstung – den gemeinsamen Gipfel erreichen kann, dann entsteht eine Lernkultur, die Wachstum ermöglicht. Nicht als Ausnahme, sondern als Grundhaltung. Nicht für einige, sondern für alle. Differenzierung durch Unterstützung ist damit weit mehr als eine Methode.
Sie ist ein pädagogisches Versprechen: Gemeinsame Ziele, faire Chancen und echtes Kompetenzwachstum für jedes Kind.

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